Pauls Sprache ist Noise: monströs dahertosende Tracks, auf denen er mit verzerrter Stimme seine Verzweiflung hinausschreit. Abseits der Bühne herrscht Leere, niemand scheint ihn und seine Lyrics zu verstehen, sein Leben verbringt er weitgehend allein. Bis auf Mark, der Teil der Band ist, sich aber mehr und mehr zurückzieht - und bis Paul nach einem Konzert Annika kennenlernt. Sie teilt seine Faszination für Noisebands wie Hanatarash oder Atrax Morgue, und Paul verliebt sich übergangslos in sie. Als sie ein Kind bekommen, lässt sein Druck nach, alles in mörderisch lauter Musik auszudrücken. Doch was bleibt jetzt noch von seiner Kunst? Und wieso ist Mark endgültig abgetaucht?Einzelgänger, Außenseiter, im Stillen Leidende - in "Mein Leben als Noiseband" versammelt Clemens J. Setz Erzählungen über Figuren am Rand der Gesellschaft. Mit so präzisen wie poetischen Alltagsbeobachtungen führen sie uns durch verschobene Realitäten, in denen das Vertraute, dass Groteske und das Obsessive umeinander kreisen. Gewalt und Einsamkeit stehen neben Momenten unkonventioneller Zärtlichkeit sowie der Sehnsucht nach Nähe und Verbundenheit.
Kundinnen und Kunden meinen
2.5/5.0
Bewertung
aus Thun im Kanton Bern
3/5
08.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
schwierig
Die zweite Geschichte werde ich in guter Erinnerung behalten. Aber schon diese zweite Geschichte sowie alle nachfolgenden enthalten etwas „Schräges“ und wenig „Glaubhaftes“ in ihren Kernen. Das führt meiner Ansicht nach die Geschichten ins Reich des „Phantastischen“, in welchem alles möglich wird. Aus diesem Grund wird für mich, der ich gebunden bin an die Fesseln der Realität, das Erzählte etwas uninteressant und unglaubwürdig. Ich kann mit dieser Art Literatur nicht viel anfangen. Sie fesselt mich nicht.
Oliver_L
aus Wien
2/5
18.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Viel Noise um wenig
Als literarisch interessiertem Wahl-Wiener sagte mir der Name Clemens J. Setz durchaus etwas; gelesen hatte ich von ihm bisher noch nichts: Leider habe ich die Erfahrung gemacht, dass im deutschsprachigen Bereich Literaturpreise bevorzugt an unleserliche, uninteressante Bücher bzw. Autoren bzw. Autorinnen gehen, und Herr Setz hat schon viele, viele Preise erhalten. Da ich aber Kurzgeschichten liebe und dieses Format im Deutschen arg vernachlässigt wird, habe ich mir den neuen Erzählband von Setz als Einstieg in das Werk des Autors zugelegt.
Um das Fazit vorwegzunehmen: Zu meinem neuen Lieblingsautor ist Setz nicht geworden.
Gemäß Impressum sind zwei der 19 Geschichten schon vorher erschienen; alle anderen sind also Erstveröffentlichungen. Ein Zusammenhang zwischen den einzelnen Texten ist nicht zu erkennen; die Länge geht von drei Zeilen bis 111 Seiten; letzteres ist die titelgebende Geschichte. Womöglich handelt es sich um ein abgebrochenes Roman-Projekt, das dann mit ein paar weiteren Texten aufgefettet wurde, um ein ausgewachsenes Buch von knapp 400 Seiten zu füllen.
Passend zu den Geschichten von sehr unterschiedlichem Charakter ist mein Eindruck zwiespältig. Um mal mit dem Positiven anzufangen: ›Signora Sander‹ ist das schriftstellerische Highlight des Bandes. Mit gut 20 Seiten ist es eine gute Länge für eine Kurzgeschichte, und auch das Thema ist dem Umfang angemessen: Ein Vater sammelt für den Geburtstag seiner (Scheidungs-)Tochter Andenken an frühere Fahrten und Erlebnisse ein. Das ist warmherzig und humorvoll erzählt, und es finden sich viele wunderbare, originelle Formulierungen: »Und da war der abendliche Himmel plötzlich, ganz ohne die Geburtshilfe eines Flugzeugs, voller Paraglider, was war das … Sie trudelten kontrolliert durch die Luft, beunruhigend ursprungslos, wie eine spontane Eiterbildung der Atmosphäre, Gerstenkörner im Augenwinkel der Erde …« (S. 254). Schön! Und, wichtiger noch: In diesem Fall passt es zur Atmosphäre der Story. Das heißt nicht, dass diese Geschichte perfekt wäre: Das Ende ist vorhersehbar, und wie so oft bei Setz, ist es eher ein Anti-Klimax. Manche Erzählfäden (wie um den Herrn aus Utrecht) tauchen auf und verschwinden ebenso unmotiviert wieder.
Dennoch, da wir im Deutschen mit gelungenen Kurzgeschichten nicht verwöhnt sind, dachte ich: Geht doch! Warum nicht mehr davon? Denn die anderen Texte bleiben leider dahinter zurück. Oftmals hat der Autor zwar eine originelle Idee, wie etwa gleich bei der ersten Geschichte: Der Ich-Erzähler begegnet in der U-Bahn seinem erwachsenen Sohn – obwohl dieser infolge einer Fehlgeburt starb. Originelle Idee! Aber der Autor präsentiert sie gleich zu Beginn (daher spoilere ich hier nicht), redet dann einige Seiten um sie herum, weiß dann aber nichts mit der Idee anzufangen. Das Muster findet sich leider bei vielen Texten: Es wirkt so, als sei Setz von seinen Ideen, Einfällen oder Fundstücken (bevorzugt aus dem Internet) so fasziniert, dass er versucht, diese Faszination der Leserschaft zu vermitteln – worüber er das schriftstellerische Handwerkszeug liegen lässt. Irgendwann, so mein Eindruck, verliert er das Interesse oder die Lust, und dann endet der Text halt.
Besonders ausgeprägt ist dies bei dem letzten, längsten und titelgebenden Text. Trotz des Titels ist er in der dritten Person erzählt: Es wird v.a. über Paul berichtet, einen (relativ) jungen Mann, der offenbar nur ein Interesse hegt und pflegt: Eben sein Leben als Noiseband, meistens als Ein-Mann-Band. Ich nehme an, dass dieses Thema auch den Autor interessiert. Mein Interesse wurde nicht geweckt; eher im Gegenteil. Die Erzählung plätschert so dahin; wir erfahren viel zu viel über jene hochgradig uninteressante Hauptfigur, und die einzige Überraschung besteht eigentlich darin, dass Paul eine Partnerin findet mit kompatiblen obskuren Interessen.
Das alles ist zwar zumeist gut lesbar geschrieben, und es ist Setz hoch anzurechnen, dass er es versteht, seinen Stil zu variieren. Womöglich ist unter den Texten auch die eine oder andere Stil-Übung. Was Kurzgeschichten betrifft, so erreicht Setz aber leider auch nicht annähernd etwa das Niveau eines George Saunders.
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