Drei Freunde, ein alter Saab und die Stimmen der Toten: eine rasante, lakonisch-komische Friedhofsodyssee durch MitteleuropaLorenzo, Caspar und Miss Detroit sind unterwegs im alten Saab. Drei Freunde, irgendwo zwischen Lebensmitte und Lebensmüdigkeit. Ihr Ziel: die Friedhöfe Mitteleuropas. Während sich Lorenzo durch Bücher frisst und versucht, eine Doktorarbeit über die toten europäischen Dichter zu schreiben, träumt Miss Detroit hinter dem Lenkrad davon, Friedhofsbotanikerin zu werden und durch die Blumen mit den Toten zu sprechen. Und der fast blinde Caspar denkt an seinen Vater im Böhmischen Paradies, dessen verstorbene Freunde noch immer durch seine Stammkneipe geistern. Mit jedem gefahrenen Kilometer rücken die drei näher aneinander und hören die Stimmen der Toten von Grab zu Grab deutlicher: Wovon sprechen sie, wenn man ihnen zuhört? Und wem hört man besser nicht zu? Als sie auf einem Berliner Friedhof plündernden Reichsbürgern zuvorkommen und die Knochen eines NS-Verbrechers entwenden, beginnt eine absurde Verfolgungsjagd entlang der Grenzen der europäischen Mitte.Ungekürzte Lesung mit Stefan Wilde4h 44min
Für alle Freunde der Literatur und der alten Friedhöfe
Verschroben, skurril, märchenhaft: Eine Reise durch das alte Europa auf Besuch bei den großen Dichtern und Denkern, auf Friedhöfen, wo die Täter liegen und anderen, wo die Opfer begraben sind. Mit Friedhofswasser, Bier und Wein. Ein Roman von der Vergangenheit, die nicht vergangen ist, auch wenn sie auf Friedhöfen begraben scheint. Im alten weißen Saab geht es mit viel Musik von alten Kassetten von Venedig nach Österreich und Polen, nach Berlin und ins Böhmische Paradies zu Gulasch und Bier. Kreuzspinnen sind den drei Freunden zwischenzeitlich auf den Fersen, kommen ihnen bedenklich nah. Die haben aus der Geschichte – im Gegensatz zu den Reisenden im Saab - nichts gelernt.
Lorenzos Prager Großmutter hat ihren Enkel beauftragt, die Familie zu rächen und jüdisches Eigentum zurückzuholen. Nachdem er deshalb Antiquariate ausgeraubt hat, wird er in Krems inhaftiert und beginnt dort Bücher zu lesen und zu fressen (im wahrsten Sinne des Wortes). Er nennt das Gefängnis seine Universität. Das Motto, das er sich auf die Augenlieder tätowiert hat, heißt „Mehr Liebe. Oder nichts.“ Auf den Friedhöfen Europas ist er zuhause. In Venedig trifft er die melancholische Miss Detroit, die lieber mit den Toten als den Lebenden spricht. Sie steuert für den Road Trip den alten Saab ihres verstorbenen Vaters bei. Der ebenso ruhelose wie haltlose Caspar hat in Venedig seine Frau verlassen und wird eingeladen mitzufahren. Miteinander lernen sie wieder zu sprechen, erzählen einander ihre Geschichten und retten dabei nicht nur sich selbst.
Ein sehr liebenswerter Roman für alle Freunde des alten (gar nicht toten) Europa. Viel leiser Humor zum Schmunzeln und eine große Liebe zur Literatur! Ich habe ihn gern gelesen, auch wenn ich an manchen Stellen etwas enttäuscht war, dass verschiedene Reise-Etappen auf den Friedhöfen nicht ausführlicher auserzählt, sondern eher kurz abgehakt wurden.
MarieOn
4/5
22.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Magischer Realismus
Caspar schaute dem Zug nach, in dem Hanah saß. Sie wollten ein paar gemeinsame Tage in Venedig verbringen. Warum er nie etwas sage, wollte Hanah wissen, bevor sie endgültig im Zug verschwand. Darauf sagte er nichts. Er ging zurück ins Hotel am Canale Grande, checkte aus, nahm den Zug, stieg nach drei Bahnhöfen wieder aus, wechselte das Gleis und nahm den Zug zurück. Er checkte am Canale Grande wieder ein, betrat sein Zimmer, zog die Vorhänge zu, sich aus und legte sich in die Badewanne.
Miss Detroit hatte ihren Vater beerdigt. In eine kleine Urne war er entschwunden, wie es sein Wunsch gewesen war. Jetzt steht sie in seiner Werkstatt direkt neben dem Friedhof, sie wird eine Fahrt mit dem weißen Saab, dem Sarg machen müssen. Sie wird einige Friedhöfe anfahren, dort übernachten und mit den Toten sprechen. Miss Detroit bindet ihre langen schwarzen Haare zu einem Zopf, kontrolliert ihre schwarz lackierten Fingernägel, zieht ihr weites schwarzes Kleid über und schlüpft in die schwarzen Doc Martens. Sie legt eine der Kassetten ihres Vaters ein, lauscht The Cures „Its Friday I´m in Love“ und braust los.
Lorenzo ist klein, sein kompakter Körper mit Buchstaben übersät. Seit seinem Literaturstudium hat er sich zur Aufgabe gemacht, die Bücher all der toten Dichter zu lesen und dann aufzufressen. Ein Akt wider das Vergessen und eine Ehrenrettung vor den Kreuzspinnen, die dazu neigen, Bücher zu verbrennen. Fast das ganze Jahr über besucht er die toten Dichter, nächtigt auf deren Gräbern und unterhält sich mit ihnen und wenn er traurig oder freudig erregt ist, dann heult er wie ein Wolf. Wie im wirklichen Leben sind ihm einige Schreiber sympathischer als andere.
Fazit: Der Schriftsteller, Dramatiker und Musiker Jaroslav Rudiš erzählt die Geschichte von drei (depressiven?) Persönlichkeiten, die sich zufällig auf einem Friedhof treffen und sich unvermeidlich zueinander hingezogen fühlen. In Miss Detroits Saab fahren sie durch Europa, hören die Indipendent-Kassetten von Miss Detroits Vater und philosophieren. Caspar betrauert seine Ehe, Miss Detroit ihren toten Vater und Lorenzo den Verlust seiner Oma, die im Böhmischen Paradies geblieben ist. Die Geschichte ist, durch die Stilrichtung magische Realität, einigermaßen verwirrend. Der Autor bringt verschiedene Themen ein. Die Dichter, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen, als wichtiges kulturelles Gut, ein paar Neonazis, ein bisschen Theresienstadt und drei überdurchschnittlich verrückte Hauptdarsteller. Und das ist auch schon mein Problem. Mein autistisches Gehirn versteht keinen magischen Realismus. Hier ist alles erlaubt, kann aus dem Hut gezaubert und durcheinandergerüttelt werden. Ich kann mich an nichts orientieren, was Struktur, Stringenz oder Wahrheitsgehalt angeht, da kann aber der Autor nichts dafür. Wenn ich einen roten Faden gefunden habe, dann beschreibt Jaroslav Rudiš am ehesten das Thema Freundschaft. Für alle, die Saša Stanišic lieben.
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