Nach dem sensationellen Debüt Hast du uns endlich gefunden befasst sich Edgar Selge erneut mit den dunkelsten Jahren der deutschen, der eigenen Geschichte und macht daraus große Literatur.
Jura Rjabinkin ist sechzehn Jahre alt, als er während der Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht verhungert. Er hat ein Tagebuch hinterlassen, das der Erzähler dieses Romans immer wieder liest, sodass er bald glaubt, den Jungen zu kennen. Jura wird zur Romanfigur, wie der Erzähler auch. Ihre Begegnung beginnt vorsichtig und wird im Lauf der Geschichte immer enger. Zwischen den beiden entspinnt sich ein Austausch über Jugend, Träume, Literatur, Mütter, Gewalt, Fremdheit und Nähe, und sie geben einander ihre persönlichsten Geschichten preis.
Edgar Selge setzt dem jungen Menschen Jura Rjabinkin ein Denkmal und lässt ihn für uns lebendig werden. Sein Tonfall ist überraschend, gewichtig und leicht zugleich.Eine bewegende Lektüre, ein Hörbuch von unbändiger literarischer Fantasie.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Nele33
4/5
23.10.2026
Hörbuch-Download (MP3)
bedrückend und wichtig
"Juras letzter Winter" des Autors Edgar Selge habe ich als Hörbuch, eingelesen vom Autor selber gehört.
Selge, der in seinem vorherigen Buch "Hast du uns endlich gefunden" Kontakt zu seinem jüngeren Ich aufgenommen hat und sich diesem dabei angenähert hat, nimmt in diesem Buch die Tagebucheinträge des 16-jährigen Jura um sich fiktiv mit seinem Schicksal auseinanderzusetzen.
Ein grausames Schicksal in Stalingrad, Jura ist während der Blockade der Deutschen jämmerlich in Stalingrad verhungert.
Der Autor nimmt sich die Freiheit über die Tagebucheinträge hinaus das Leben von Jura und auch seiner restlichen Familie zu erzählen. Dabei geht er auch auf die unglaubliche Zahl von verhungerten Zivilisten von mehr als einer Million ein.
Mich hat das Buch sehr berührt, es ist bedrückend wie wenig bis heute darüber bekannt geworden ist und das Schicksal von Jura bewegt mich außergewöhnlich.
Mein einziger Kritikpunkt an diesem Buch sind die Ausschweifungen zu Erlebnissen des Autors, die für mich nicht im Verhältnis zu Jura stehen.
Eine Empfehlung spreche ich gerne aus für ein nicht ins Vergessen geratenes Thema.
Eternal-Hope
aus Österreich
4/5
24.09.2026
Hörbuch-Download (MP3)
Viel Edgar Selge, wenig Jura
Schon in seinem vorigen Buch "Hast du uns endlich gefunden" hat der Schauspieler und Autor Edgar Selge den Kontakt mit einem Jungen, damals seinem jüngeren Ich, gesucht und dabei unter anderem die NS-Vergangenheit seiner Familie aufgearbeitet und in Bezug zu sich gesetzt. In ähnlicher Weise geht es nun in "Juras letzter Winter" weiter. Nur, dass der Junge, um den es geht, diesmal nicht sein eigenes jüngeres Ich ist, sondern der 16-jährige Leningrader Jugendliche Jura Rjabinkin, der dort während der Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht im Jahr 1942 verhungert ist.
Es ist ein großes Verdienst des Autors, auf dieses schwere Kriegsverbrechen, das noch immer nicht überall Teil des Geschichtsunterrichts und des öffentlichen Gedächtnisses in den deutschsprachigen Ländern ist und bei dem der Hungertod von geschätzt über einer Million Zivilisten bewusst und absichtlich herbeigeführt wurde, mit seinem Buch eindringlich aufmerksam zu machen.
Edgar Selge geht in Dialog mit Jura, in einer Form, die weit über die überlieferten Tagebuchauszüge hinausgeht. Das macht das Buch einerseits lebendig und weitaus interessanter, als vermutlich eine Darstellung näher an den reinen Überlieferungen gewesen wäre. Wir erfahren auch so einiges über die historischen und biografischen Hintergründe und auch über das weitere Schicksal nicht nur Juras, sondern auch der Schwester Ira und der Mutter der beiden Kinder. Dabei stellen sich auch viele existenzielle Fragen des Menschseins und der jugendliche Jura, der nicht fassen kann, dass die fremde Armee die Stadt umzingelt, aber nicht einmal kämpfen will, um sie einzunehmen, und dass sie ihn und die anderen Menschen dort als so wertlos ansehen, dass sie sie lieber verhungern lassen, als sie für Zwangsarbeit einzusetzen, kommt uns nahe.
An vielen Stellen nimmt sich der Autor andererseits aber auch die künstlerische Freiheit heraus, sich recht weit von Jura und seinem Tagebuch zu entfernen. Ausführlich schwelgt er in Details zu eigenen Lebenserinnerungen, bei denen nur sehr entfernt und mit viel Fantasie eine Verbindung zu Jura und seinem Schicksal erkennbar ist, was der Autor im fiktiven Dialog zwischen dem verstorbenen Jungen und sich selbst auch durchaus immer wieder thematisiert.
Das empfand ich beim Hören des Hörbuches als unnötig abschweifend und ziemlich selbstverliebt und hätte mir stattdessen mehr Fokus auf Juras Schicksal und die Umstände in Leningrad gewünscht, denn diese interessieren mich weit mehr als Schwänke aus der Jugend des Autors. Auch habe ich mich während dieses Dialogs immer wieder gefragt, was daraus man wohl wirklich plausibel aus den vorhandenen Tagebucheinträgen (von denen der Autor manche vorstellt, aber eben nur relativ wenige) über die Persönlichkeit von Jura folgern kann und was wohl eher der Fantasie des Autors entspringt. Ich bin froh, dass der Autor mir Jura und sein Schicksal vorgestellt hat, doch ich wünschte, er hätte es mit etwas mehr Fokus auf dessen Leben und etwas weniger Selbstbezogenheit getan.
Als Hörbuch, sensibel und authentisch selbst eingesprochen vom Autor, kann ich es aber durchaus empfehlen, da man sich dabei dem Autor und seinem Selbstfindungsprozess im fiktiven Dialog mit dem verstorbenen Jura nahefühlen kann und auch mitfühlt, was ihm nahegegangen ist und ihn erschüttert hat. Damit spürt man beim Hören auch selbst viel Erschütterung über die damals vorherrschenden Gleichgültigkeit, den erbarmunglosen Rassismus und den daraus resultierenden Völkermord, was hoffentlich dazu beitragen kann, sich dafür einzusetzen, dass sich so etwas nicht wiederholt.
Dirk Knappe
aus Hagen
5/5
11.10.2026
eBook (ePUB)
„Nur die Erinnerung gibt den Toten ihren Namen zurück" | Jorge Semprún
Edgar Selge gehört für mich zu den prägendsten deutschen Schauspielern.
Als Schriftsteller trat er erst spät mit seinem Debütroman „Hast du uns endlich gefunden“ (2021) an die Öffentlichkeit. Bereits darin bewies er sein Ausnahmetalent für die doppelte Perspektive aus kindlichem Erleben und reflektierender Erinnerung.
Es gibt Bücher, die liest man mit den Augen.
Und es gibt Bücher wie „Juras letzter Winter“, die kriechen einem direkt unter die Haut, setzen sich in Kopf und Herz fest und hallen lange nach, nachdem man die letzte Seite umgeblättert und inhaliert hat.
Nach seinem gefeierten Debüt hat Selge hier ein Werk geschaffen, das mich mit seiner intimen Dringlichkeit, historisch-biografischen Aufarbeitung und sprachlichen Tiefe schlicht sprachlos zurückgelassen hat – im positivsten Sinne.
Bei "Juras letzter Winter" wird ein historisches Dokument als Ausgangspunkt für einen literarischen Dialog verwendet. Das Fundament des Romans bildet eine reale, erschütternde Quelle; das Tagebuch des 16-jährigen Jura Rjabinkin, der 1941/42 während der verheerenden Belagerung Leningrads durch die deutsche Armee verhungerte.
Doch wer nun fürchtet, Selge würde hier bloß eine historische Quelle nacherzählen oder voyeuristisch abbilden, liegt völlig falsch.
Das Original-Tagebuch dient Selge als Ausgangspunkt für eine viel persönlichere, künstlerisch freie Auseinandersetzung.
Er tritt in eine imaginäre, fast zärtliche Zwiesprache mit dem Jungen über die Jahrzehnte hinweg. Der Autor liest sich in Juras Welt ein, stellt Selbstgespräche an und verwebt das Schicksal des Leningrader Jungen mit seinen eigenen Erinnerungen als deutsches Nachkriegskind.
So entsteht kein distanziertes Geschichtsbuch, sondern ein vielschichtiger, hochgradig empathischer Diskurs über Schuld, Empathie, Schreiben und die ganz großen existenziellen Fragen menschlicher Verletzlichkeit.
Was dieses Buch so besonders und nahbar macht, ist der Ton.
Edgar Selge ist ein begnadeter Stilist, aber seine Prosa verliert sich nie in bloßer intellektueller Brillanz. Stattdessen spürt man auf jeder Seite eine tiefe, menschliche Haltung: da ist kein erhobener Zeigefinger, sondern pure Empathie, stille Trauerarbeit und ein schmerzhaft spürbares Gedenken.
„Juras letzter Winter“ ist ein zutiefst kluges, ergreifendes und gerade in unserer Zeit hochrelevantes Buch. Es zeigt, wie Literatur Brücken über Abgründe schlagen kann. Man legt es nicht einfach weg – es hallt nach.
Absolute Leseempfehlung!
Zur thematischen Vertiefung möchte ich abschließend "Das Blockadebuch" von Ales Adamowitsch & Daniil Granin empfehlen. Dabei handelt es sich um eine dokumentarische Chronik der 900-tägigen Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs (1941–1944).
Jürg K.
4/5
20.09.2026
eBook (ePUB)
Roman mit Tiefgang
Dieser Roman hat mich tief bewegt, weil er etwas Unmögliches versucht und gelingt. Er lässt einen toten Jungen sprechen, ohne ihn zu vereinnahmen. Jura Rjabinkin, sechzehn Jahre alt, verhungert während der Blockade von Leningrad, und doch ist er in diesen Seiten erschütternd lebendig. Sein Tagebuch ist kein historisches Dokument, sondern ein Herzschlag, der nicht aufgehört hat. Der Erzähler liest es immer wieder, bis Jura für ihn und für uns zu einem Gegenüber wird, zu einem jungen Menschen, der nicht nur Opfer war, sondern Sohn, Träumer, Leser, Suchender. Mich hat besonders berührt, wie vorsichtig diese Annäherung geschildert wird. Der Erzähler drängt sich nicht auf. er lauscht. Und aus diesem Lauschen entsteht ein Dialog über Jugend und Verlust, über Mütter, Angst, Nähe und die Frage, wie man weiterlebt, wenn man weiss, dass andere nicht durften. Jura wird zur Romanfigur, aber nie zur Projektion. Er bleibt eigenständig, verletzlich, widersprüchlich ein Mensch, der uns anblickt und etwas verlangt, Erinnerung, Aufmerksamkeit, vielleicht sogar Zärtlichkeit. Edgar Selges Ton ist dabei erstaunlich, schwer und leicht zugleich, präzise und doch voller Wärme. Für mich ist dieses Buch ein stilles Denkmal, das nicht aus Stein besteht, sondern aus Sprache. Es zeigt, wie Literatur jemanden zurückholen kann nicht ins Leben, aber in unsere Gegenwart.
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