Der Kampf für den »sensiblen« Gebrauch unserer Sprache treibt immer weitere Blüten. Angeblich böse Wörter dürfen nicht mehr ausgesprochen, Kinderbücher müssen sprachlich gereinigt, wissenschaftliche Texte durch kryptische Sprachzeichen entstellt werden. Warum? Weil die Nutzer dieser Wörter sich sonst angeblich zu Mittätern bei der Unterdrückung gesellschaftlicher Minderheiten machen.Mathias Brodkorb hat die vielfältigen Verwendungsweisen »böser« Wörter wie »Indianer«, »Neger« oder »Zigeuner« untersucht. Dabei stellt sich heraus, dass das bloße Aussprechen dieser Wörter noch nichts über die Absichten der Sprecher verrät. Denn wer vom »N-Wort« spricht, muss zugleich immer an das Wort »Neger« denken, um es zu übersetzen. Macht sich der Sprachkritiker damit nicht selbst Tag für Tag schuldig?In teilweise höchst amüsanten Geschichten beleuchtet Brodkorb die »bösen« Wörter und ihre realen Gegenstände. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass menschliche Kommunikation nur gelingt, wenn wir den Aussagen unserer Gesprächspartner zunächst wohlwollend begegnen. Mit ein wenig mehr Gelassenheit könnte an die Stelle von Konfrontation gelungene Verständigung treten.
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BK
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31.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Über Sprachpolizisten, Bedeutungsanmaßung und das Menschenrecht auf eigene Wort-Bedeutungen
Die lange Reihe meiner Karl-May-Bücher war meine erste Annäherung an die Welt. Der Glaube an das Gute in der Welt der Indianer, die Freundschaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand, der Mut, die Treue und die Achtung vor anderen Kulturen prägten meine Kindheit. Später habe ich diese frühe Begegnung mit fremden Welten durch lange Reihen eigener Erlebnisse und Reisen vertieft.
Natürlich war ich im Fasching Indianer. Natürlich habe ich das Karl-May-Museum in Radebeul besucht. Ich kenne die Biografie Karl Mays, seine Widersprüche und seinen unermüdlichen literarischen Einsatz für Frieden und Verständigung zwischen den Völkern. Vor allem seine Kreativität. Sogar den Islam habe ich durch ihn kennengelernt, allerdings mit dem gebotenen Abstand. Schließlich war Karl May ein gläubiger Christ.
Niemals in meinem Leben habe ich mich darum geschert, was selbst ernannte Sprachbereiniger über meinen Wortschatz denken. Und ich werde damit auch nicht mehr anfangen. Meine Sprache gehört mir. Meine Erinnerungen gehören mir. Und die Bedeutungen, die Worte im Laufe meines Lebens für mich angenommen haben, lasse ich mir von niemandem nachträglich umdefinieren. Schon gar nicht von jenen Cancel-Kulturalisten, die sich anmaßen, anderen Menschen vorzuschreiben, was sie mit ihren eigenen Worten zu meinen haben.
Mit diesem Hintergrund liest sich Matthias Brodkorbs Buch wie ein Ausflug in ein Kabarett der Sprache, dessen Hauptdarsteller allerdings keine Komiker sind, sondern selbst ernannte Sprachrichter. Sie wollen Bedeutungen festlegen, Worte abrichten und den Menschen vorschreiben, wie sie zu sprechen und möglichst auch zu denken haben.
Schon im ersten Kapitel über das Wort Indianer kam ich aus dem Lachen kaum heraus. Woher das Wort stammt, wie es verwendet wurde, welche Bedeutungen es im Laufe der Geschichte angenommen hat und zu welchen Verrenkungen sich die westlichen Spracherzieher inzwischen versteigen – das ist Realsatire in ihrer reinsten Form. In meinen Worten: Diese Leute spinnen. Sie sollten etwas Ordentliches lernen und der Menschheit mit echten Beiträgen, brauchbaren Produkten oder neuen Ideen dienen, statt ihre Lebenszeit mit der ideologischen Umerziehung fremder Wortschätze zu verbringen.
Brodkorb dokumentiert eine erstaunlich lange Reihe von Personen, Institutionen und Ereignissen, die zeigen, wie viel gesellschaftliche Energie inzwischen darauf verwendet wird, Wörter mit vermeintlich verbindlichen Bedeutungen aufzuladen. Aus Sprache, einem lebendigen Instrument menschlicher Verständigung, soll ein Katalog zulässiger Begriffe werden. Dabei wird die entscheidende Tatsache übersehen: Wortbedeutungen entstehen im Gebrauch, in der Geschichte, im Zusammenhang und nicht zuletzt im persönlichen Erleben. Niemand besitzt das Monopol auf ihre endgültige Auslegung.
Natürlich darf jeder ein Wort ablehnen, kritisieren oder anders verstehen. Das gehört zur Freiheit der Sprache. Aber daraus erwächst noch lange kein Recht, anderen Menschen die eigenen Bedeutungen zu verbieten. Matthias Brodkorb hat ein wichtiges Buch geschrieben, weil er die Anmaßungen einer Sprachpolitik sichtbar macht, die sich gern als moralischer Fortschritt präsentiert und dabei immer häufiger zur Bevormundung wird.
Und so bleibt mir nach der Lektüre eine besonders schöne Gewissheit: Winnetou wird für mich immer ein Indianer bleiben. Nicht aus Trotz, nicht aus Unwissenheit, sondern aus Liebe zu einer Welt, die mir Karl May eröffnet hat. Wer mir diese Erinnerung sprachlich verbieten will, hat nicht die Sprache verstanden, sondern die Freiheit verlernt. Die höchst spannenden Analysen von Brodkorb richten sich neben Indianer auf die Worte Behinderung, N-Wort, M-Wort, Eskimo und Frau. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus, ganz großes Kino, eine Zustandsbeschreibung unserer Gesellschaft auf sprachpolizeilichen, unnötigen Abwegen und Sackgassen.
Ein kleiner Einwand gegen ein ansonsten ausgezeichnetes Buch: Beim Stichwort Mohr übernimmt Brodkorb offenbar die verbreitete Vorstellung von der islamischen Hochkultur und ihrem angeblich Goldenen Zeitalter (S. 111 f: „Im 7. Jh. eroberten muslimische Araber als …“) Diese Erzählung halte ich für eine erhebliche Geschichtsverklärung. Die damaligen wissenschaftlichen Leistungen beruhten wesentlich auf dem Wissen der Griechen, Perser, Inder und christlichen Gelehrten, das in den eroberten Gebieten übernommen, übersetzt und weiterentwickelt wurde. Die später zunehmende islamische Orthodoxie geriet vielerorts in Konflikt mit freiem Denken. Wer daraus eine originär islamische Hochkultur macht, verwechselt die Leistungen einer vielfältigen Gelehrtenwelt mit den Verdiensten einer Religion. Das sogenannte Goldenen Zeitalter war im wesentlichen eine Erfindung evangelischer Theologen im Mittelalter, damals gerichtet gegen die ach so böse katholische Kirche, der man so die vermeintliche Toleranz des Islam vorhalten konnte.
In diesem wichtigen Zusammenhang empfehle ich das Buch von Siegried Kohlammer, ebenfalls aus dem zu Klampen Verlag: Islam und Toleranz.
Bewertung
5/5
02.11.2026
eBook (ePUB 3)
Merci
Guten Tag,
danke für Ihre freundliche Besprechung. Es freut mich, dass Ihnen der Text Vergnügen bereitet hat. Eine kleine Anmerkung muss ich aber doch machen. Sie monieren, ich hätte in einem der Kapitel die "Vorstellung von der islamischen Hochkultur" verbreitet. Bitte sehen Sie es mir nach, dass ich mich damit nicht ganz korrekt verstanden fühle. Die fraglichen Sätze lauten:
"Arabische und persische Wissenschaftler galten damals als Vertreter einer Hochkultur. Sie hatten die Schriften
der großen Denker der europäischen Antike ins Arabische übersetzt und trugen so zu deren Bewahrung bei."
Ich spreche also nicht davon, dass der Islam insgesamt einst eine Hochkultur gewesen sei, sondern dass "arabische und persische Wissenschaftler" manch einem gelehrten Europäer damals als Vertreter einer Hochkultur "galten". Und zwar vor allem deshalb, weil diese dabei mithalfen, die Schriften großer europäischer Denker zu "bewahren", was eine historische Tatsache ist. Es finden sich in zwei Sätzen somit gleich drei Relativierungen.
Aber ich bitte Sie, nachsichtig mit mir zu sein. Ich will mich nicht beschweren. Jeder Leser hat das Recht, an einem Text wichtig oder unwichtig zu finden oder zu kritisieren, was immer er will.
Insofern: Merci für Ihre Mühe!
Mit freundlichen Grüßen
Mathias Brodkorb
PS: Leider konnte ich diesen Post nur absetzen, wenn ich zugleich mein eigenes Buch bewerte. Ich bitte um Verständnis, dass ich ihm fünf Sterne geben musste. Andernfalls hätte ich das Buch ja nicht geschrieben. Aber gewiss ist das ein Urteil aus eigener Befangenheit heraus.
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