Auf der Suche nach Schönheit in der Welt: Der neue Roman von Martina Hefter
Mit präziser Leichtigkeit und schlichter Eleganz erzählt Martina Hefter von einer Frau, die in einer ehemaligen Tagebaulandschaft eine neue Zukunft findet. Sie erzählt von der Notwendigkeit, sich gegen die Zudringlichkeiten der Gegenwart zur Wehr zu setzen, sie erzählt von inneren Kämpfen und jenen Momenten, die uns aneinander binden – oder voneinander lösen.
Die Installationskünstlerin Iona Bartschok zieht sich den Sommer über ins Leipziger Umland zurück. Die Landschaft hier besitzt eine eigensinnige Lebendigkeit: eine ehemalige Tagebau-Region, künstlich geflutet, von Abraumhalden und einem immerwährenden Wind geprägt. Iona will in dieser Umgebung an einem neuen Projekt arbeiten. Aber sie sucht auch Abstand, nachdem ein Maler öffentlich eines ihrer wichtigsten Kunstwerke, ein Baumhaus, mit dem Wort "Bullshit" besprüht und beschädigt hat. Sie bezieht eine umgebaute Industriehalle, deckt sich mit Lebensmitteln ein, wird nur von einem Bildschirmhund begleitet, den ihr Vermieter an der Wand installiert hat. Doch dann läuft ihr Bella zu, eine Hündin aus Fleisch und Blut, die ihr nicht mehr von der Seite weicht. Eines Tages steht eine weitere Fremde vor der Tür: Nova, die kämpferische Nichte des Vermieters. Und während draußen der Wind zunimmt, der Regen die Straßen flutet, drängt sich mit aller Macht das Leben zurück in die Halle.
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Bewertung
Thalia Book Circle Community
5/5
31.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Literarischer Hochgenuss
Dies ist mein ersten Buch von Martina Hefter und ich bin begeistert.
Aber zuerst einmal ein Hinweis: Dies ist kein Buch, das man in einem Rutsch durchlesen kann. Man muss es unbedingt langsam lesen, immer wieder Pause machen, alles sacken lassen. Dann erst ist es ein literarischer Hochgenuss.
Die Ich-Erzählerin Iona Bartschok ist Installationskünstlerin und hat sich im Kunstbetrieb einen Namen gemacht. Als ein Künstlerkollege eines ihrer Werke mutwillig beschädigt, zieht sie sich vollkommen zurück und lebt in einer Halle in einem ehemaligen Tagebaugelände bei Leipzig, wo sie sich auf ihr nächstes Werk konzentrieren kann. Doch es kommt anders.
Das Buch ist durch vielfältige Themen gekennzeichnet.
Da ist zuerst einmal der Kunstmarkt und seine Anforderungen und Mechanismen. Iona zieht sich bewusst daraus zurück, denn sie will sich nicht mit dem “Ereignis”, wie sie es nennt, auseinandersetzen und entzieht dadurch der Aufregung in der Leipziger Presse und in den sozialen Medien die Grundlage. Das finde ich klug.
Dann geht es um die Klimakatastrophe, auf die wir mit großen Schritten ungebremst zusteuern. Es wird in und um Leipzig immer heißer und die Unwetter nehmen zu. Davon ist auch Iona in ihrer Halle betroffen und sie sorgt sich um die Zukunft der Erde. In diesem Zusammenhang muss man auf die wunderbaren Naturbeschreibungen zu sprechen kommen, die in diesem Buch einen herausragenden Stellenwert besitzen. Schon allein deshalb ist das Buch sehr lesenswert.
Ein weiteres Thema ist die Einsamkeit. Iona berichtet in ihren Rückblicken über ihre Kindheit und Jugend auf einem Bergbauernhof, die Sommer verbrachte sie mit ihren Eltern auf einer Alm. Schon da war sie ein Kind, das gern allein war, sie brauchte nicht die Horden anderer Kinder, mit denen sich viele Heranwachsende so gern umgeben. Das hat sich im Laufe ihres Lebens nicht geändert. Als ihr nun ein Hund zuläuft, fremdelt sie zuerst sehr und will ihn ins Tierheim bringen, behält ihn dann aber doch. Auch als die junge Nova bei ihr auftaucht und schließlich in die Halle einzieht, bleibt Iona zurückhaltend, gewöhnt sich dann aber an das Zusammenleben.
Auch die Beziehungen zwischen Männern und Frauen spielen eine wichtige Rolle, denn Herto Strauß, der das Kunstwerk beschädigt hat, ist ein typischer Macho, der gezielt Grenzen überschreitet und provoziert. In dem Zusammenhang muss man auf die sehr geschickte Namensgebung aller Personen hinweisen. Herto ist abgeleitet von Herostratus, der den Artemistempel von Ephesos angezündet hat. Nova bringt neuen Schwung in Ionas Leben und Iona ist eine einsame Insel vor der britischen Küste.
Diese Namensgebung ist nur eines der Merkmale, die darauf hinweisen, wie fein komponiert das Buch ist. Das zeigt sich besonders in Ionas endgültiger Reaktion auf den Frevel, eine wunderbare Idee, die ich aber jetzt nicht verraten werde!
Und dann das Cover! Ich hätte das Buch in einer Buchhandlung vermutlich nicht in die Hand genommen, denn das Cover schien mir sehr fremd. Im Laufe des Buches klärt sich aber auf, warum es so gestaltet wurde und es passt.
Ich bin sehr froh, dass ich dieses Buch entdeckt habe. es ist anspruchsvoll und nicht immer leicht zugänglich, aber es ist aller Mühe wert.
Kaligrafin
5/5
31.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Überraschend anders
Vor dem Lesen des Romans "Nach der Sonne schauen" habe ich noch kein Werk der deutschen Buchpreisträgerin Martina Heftner in den Händen gehalten. Daher war ich anfangs über diese besondere Schreibart überrascht, die zu Beginn sehr verwirrend und fordernd war.
Viele kurze Absätze mit Gedanken der Ich-Erzählerin Iona, die eine angesehene Installatonskünstlerin aus Leipzig ist, haben den Einstieg nicht leicht gemacht. Zahlreiche Namen aus ihrer Vergangenheit tauchen auf, wobei sie auch ihre Eltern, die sie auf einer Alm aufgezogen haben, nennt Iona beim Vornamen.
Immer wieder tauchen Ereignisse aus ihrem Leben auf, die zunächst keinen Sinn ergeben. Mit der Zeit lernt man die Protagonistin besser kennen und erkennt, dass sie einfach nur dazugehören möchte. Sie ist sehr unsicher, was sich im Laufe der Geschichte ändert. Immer wieder wird sie auf die Probe gestellt und macht täglich einen neuen Schritt.
Die Verbundenheit mit der Natur ist sehr präsent, die aus ihrer Kindheit herrührt. Pflanzen, Wetterkatastrophen und die Liebe zu den Tieren wie etwa zu ihrer gefundenen Hündin Bella sind nur einige Dinge, die auftauchen.
Ein Tipp: Es lohnt sich, am Ball zu bleiben! Mit der Zeit werden viele Dinge aufgeklärt wie etwa die Wahl des Buchtitels oder des schönen Covers mit der Hirschkuh.
Fazit: Ein besonderer Roman, der mich lange zum Nachdenken angehalten hat. Oft muss man zwischen den Zeilen lesen, um Ionas Handeln und Leben zu verstehen.
Jürg K.
5/5
20.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Gefühlvolle Geschcihte
Dieser Roman hat mich sofort durch seine stille Intensität beeindruckt. Martina Hefter erzählt nicht laut, sondern mit einer präzisen, fast schwebenden Sprache, die sich perfekt mit der Landschaft verbindet, in der Iona Zuflucht sucht. Die ehemalige Tagebauregion wirkt wie ein Ort zwischen Vergangenheit und Zukunft, künstlich geschaffen, aber voller eigensinniger Lebendigkeit. Genau dort versucht Iona, Schönheit neu zu begreifen, nachdem ihr Kunstwerk öffentlich beschädigt und entwertet wurde. Dieser Moment der Verletzung ist der Ausgangspunkt einer Suche, die viel tiefer geht als ein neues Projekt. Besonders berührt hat mich, wie der Roman die Einsamkeit zeichnet. Die Industriehalle, der Bildschirmhund, der Wind, der nie nachlässt. Und dann Bella, die echte Hündin, die plötzlich Nähe und Verantwortung in Ionas Leben bringt. Mit Nova tritt eine weitere Figur hinzu, die das fragile Gleichgewicht durcheinanderbringt. Schritt für Schritt drängt sich das Leben zurück, als wolle es Iona zeigen, dass Schönheit nicht im Rückzug entsteht, sondern im Aushalten, im Zulassen und im Einlassen. Der Roman ist leise, aber kraftvoll. Er erzählt von inneren Kämpfen, von Verletzlichkeit, von der Notwendigkeit, sich gegen die Zudringlichkeiten der Welt zu behaupten. Für mich ist es ein poetisches, kluges Buch über die Frage, wie man weiterlebt, wenn etwas Wesentliches ins Wanken geraten ist und wie man dennoch wieder Schönheit findet.
Maya Birken
aus Hannover
5/5
19.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Hoffnungsfroh und liebevoll, inklusive feinsinniger Rache
Eine feinsinnige Rache, eine Liebeserklärung an einen Hund und ein Hoffnungsschimmer in einer bedrohlichen Gegenwart.
Nachdem Martina Hefter 2024 völlig zu Recht mit ihrem Roman „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, sind die Erwartungen an ihr neues Werk riesig. Mit „Nach der Sonne schauen“ ist ihr ein leiser, atmosphärischer und zutiefst kluger Nachfolger gelungen. Ein Roman, der ein unmissverständliches Lebensmotto ins Zentrum stellt: „Allem Schlechten auf der Welt muss man mit Schönheit begegnen.“ Dieses Zitat fungiert wie ein trotziges, tief berührendes Credo gegen die Krisen und die Kälte unserer Gegenwart.
Im Mittelpunkt steht die Installationskünstlerin Iona Bartschok, die sich über den Sommer in eine alte, umgebaute Industriehalle im Leipziger Umland zurückzieht. Die künstlich geflutete, ehemalige Tagebauregion mit ihrem permanenten Wind offenbart eine karge Ästhetik. Hier arbeitet Iona an einem futuristischen Projekt: der Vision einer menschenleeren Natur in fünftausend Jahren. Begleitet wird sie dabei anfangs nur von „Robyn“, einem projizierten, leicht verzögert agierenden KI-Bildschirmhund, dessen künstliche, ungelenke Art die digitale Entfremdung unserer Gegenwart perfekt widerspiegelt. Erst als ihr die echte Hündin Bella zuläuft, weicht diese digitale Isolation einer echten, lebendigen Wärme. Später bricht Nova, die Nichte des Vermieters, in diese Isolation ein und bringt noch mehr in Bewegung.
„Nach der Sonne schauen“ ist ein Buch, das Zeit braucht. Ich habe es selbst sehr langsam gelesen und immer wieder bewusst weggelegt, um das Gelesene nachwirken zu lassen. Dieses entschleunigte Lesen tut Werk und Leserin gleichermaßen gut. So kann sich die poetische Wucht des Romans ungestört entfalten.
In den Namen ihrer Figuren steckt Bedeutung: Die Protagonistin Iona trägt ihre Isolation quasi schon im Namen – ich musste die Suchmaschine anschmeißen: Iona ist der Name einer abgelegenen schottischen Insel. Gleichzeitig bedeutet der Name im Hebräischen „die Taube“, das klassische Symbol des Friedens. Das passt zu Ionas friedfertigem Versuch, der Härte der Gegenwart mit Kunst zu begegnen.
Nova könnte man dabei als Gegenpol bezeichnen. Wie eine astronomische Nova – ein Stern, der plötzlich explosionsartig hell aufleuchtet – bricht sie in Ionas Einsamkeit ein. Sie bringt als dynamische Kraft das Neue und die nötige Energie mit, um Ionas Starre zu durchbrechen.
Pro-Tipp: Wer mag, kann die Bedeutung der Vor- und, wenn genannt, Nachnamen aller Protagonist*innen recherchieren und wird hier auf einige Aha-Erlebnisse stoßen.
Das faszinierendste Element des Romans ist für mich jedoch die meisterhafte Meta-Ebene über den Kulturbetrieb. Iona flieht auch deshalb in die Einöde, weil der Künstler Herto Straus ihr emotional wichtigstes Kunstwerk – ein mit Herzblut erschaffenes Baumhaus – mutwillig beschädigt und mit dem Wort „Bullshit“ besprüht.
Im Namen „Herto Straus“ steckt übrigens die Assoziation zu Herostratos – einer antiken Figur, die durch die Vernichtung von Schönheit berühmt wurde.
Es braucht nicht viel Fantasie, um hier die Verarbeitung eines realen Kultur-Skandals zu erkennen: Als Martina Hefter 2024 den Buchpreis erhielt, sorgte der Leipziger Autor Clemens Meyer mit einem wütenden Ausbruch und Angriffen auf die Gewinnerin für Schlagzeilen und stellte sich so selbst in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit.
Hefter wählt für diesen realen Vandalismus an ihrer Leistung die eleganteste aller künstlerischen Antworten: Sie transformiert die erlittene Kränkung in große Literatur.
Die Art und Weise, wie die Autorin dieses Erlebnis verarbeitet, ist dabei unfassbar humorvoll, stilvoll und zeugt von einer wunderbaren, kreativen Souveränität. Die unterdrückte Wut entlädt sich im Laufe des Buches schließlich in einem zornigen Racheakt, bei dem am Ende aber doch die Schönheit siegt.
Es ist die entscheidende Erkenntnis der Geschichte: Dunkelheit kann man nicht mit Dunkelheit bekämpfen, sondern nur mit Licht.
Das Buch zeigt eindrücklich, dass die Suche nach Schönheit keine naive Flucht ist, sondern eine Überlebensstrategie, um in dieser Welt nicht zu verzweifeln.
„Nach der Sonne schauen“ ist eine feinsinnige Rache, eine Liebeserklärung an einen Hund und ein Hoffnungsschimmer in einer Gegenwart, in der die Zukunft uns bereits bedrohlich eingeholt hat.
Ein absolut lohnendes, nachwirkendes Buch, an das ich noch oft - mit einer großen Sonne im Herzen - denken werde.
Bewertung
aus Königswinter
5/5
19.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Bella
In ihren Roman "Nach der Sonne schauen" erzählt die Autorin Martina Hefter von einer jungen Künstlerin, die für eine Zeit alleine in einer Lagerhalle lebt. Mach eienr Weile Zeit noch einen anderen Frau zu ihr, aber vor allem läuft ihr die Hündin Bella zu. Vieles geschieht wie zufällig oder von Schicksal gefügt. Man erfährt im Laufe der Geschichte viel von der Vergangenheit der Protagonistin auf einer kleinen Alm, über ihre Gefühle und Gedanken zu ihrer Kunst und zum Wetter. Die Begegnungen mit anderen wie auch das Innenleben der Hauptperson werden sehr sensibel dargestellt und beschrieben. Man meint, die Personen gut zu kennen und taucht auch emotional voll ein in die verschiedenen Szenen.
Ich habe das Buch mit Hochgenuss gelesen. Dabei ist nicht die Handlung das Prägende am Roman.
Das Cover ist sehr ästhetisch gestaltet und passt inhaltlich perfekt zum Buch.
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