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Der gute Mensch von Sandvika Roman

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Beschreibung

Produktdetails

Verkaufsrang

10553

Einband

Gebundene Ausgabe

Erscheinungsdatum

26.08.2026

Verlag

S. Fischer Verlag

Seitenzahl

176

Maße (L/B/H)

20,4/12,8/2,3 cm

Gewicht

259 g

Farbe

Anthrazit / Messing

Auflage

1. Auflage

Originaltitel

Det gode mennesket i Sandvika

Übersetzt von

Gabriele Haefs

Sprache

Deutsch

ISBN

978-3-10-397772-1

Beschreibung

Rezension

Hjorth seziert in ihren Romanen mit chirurgischer Präzision, aber nicht ohne Mitgefühl, das komplizierte Verhältnis zwischen Erinnerung und Verdrängung ("Kleine Zeitung")
[...] makellos übersetzt von Gabriele Haefs ("Die Zeit")
Lässt man sich auf [Hjorths] redundanten Stil ein, kann er süchtig machen. ("Die Zeit")
[...] die große Existenzialistin der norwegischen Gegenwartsliteratur [...] Hjorths große Kunst ist, wie sie ihren politischen Furor literarisch in konkreten existenziellen Situationen komprimiert. ("Die Zeit")
Vigdis Hjorths anrührende, bittere Geschichte (...) von der Fähigkeit des Menschen zu Barmherzigkeit und Güte. ("Frankfurter Rundschau")
Hjorths Stil ist [...] gleichsam komisch wie sprachgewandt, bildlich und atmosphärisch. ("Kölner Stadt-Anzeiger")
Ein karges Erzählmassiv voller Ecken und Kanten – mit wenigen, kunstvollen Schlägen behauen – durch das der klare Handlungsstrom leise und doch so mitreißend dahinfließt wie das Wasser im Oslofjord. ("WDR3 – Mosaik")
Ein nachdrückliches Werk von hoher Lesbarkeit und formvollendetem Minimalismus [...] ein Buch, das zum Nachdenken anregt und lange nachhallt. Ein echter Hauptgewinn. ("WDR3 – Mosaik")
Diese großartige norwegische Autorin ("Der Tagesspiegel")
[Hjorth] gehört [...] zu dem Besten, was Literatur überhaupt zu bieten hat – weit über Norwegen hinaus. ("Hamburger Abendblatt")

Produktdetails

Verkaufsrang

10553

Einband

Gebundene Ausgabe

Erscheinungsdatum

26.08.2026

Verlag

S. Fischer Verlag

Seitenzahl

176

Maße (L/B/H)

20,4/12,8/2,3 cm

Gewicht

259 g

Farbe

Anthrazit / Messing

Auflage

1. Auflage

Originaltitel

Det gode mennesket i Sandvika

Übersetzt von

Gabriele Haefs

Sprache

Deutsch

ISBN

978-3-10-397772-1

Herstelleradresse

FISCHER, S.
Hedderichstraße 114
60596 Frankfurt
DE

Email: produktsicherheit@fischerverlage.de

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  • Bewertung

    Thalia Book Circle Community

    5/5

    23.10.2026

    Buch (Gebundene Ausgabe)

    Wie viel Menschlichkeit verträgt die Wirklichkeit?

    Mit „Der gute Mensch von Sandvika“ hat mich Vigdis Hjorth auf Anhieb für sich eingenommen. Es war meine erste Begegnung mit der norwegischen Autorin, und ich habe diesen Roman mit einer solchen Intensität und Freude gelesen, dass ich ihn kaum aus der Hand legen mochte. Die Lektüre in einem Zug war nicht zuletzt der eigentümlichen Sogkraft dieses Textes geschuldet, der sich zunächst unspektakulär gibt und doch mit jeder Seite an psychologischer Dichte gewinnt. Vor allem aber ist es Ada, diese stille, auf ihre Weise zutiefst außergewöhnliche Frau, deren Darstellung mich nachhaltig berührt hat. Der Schauplatz ist eine wenig einladende Kneipe in Sandvika, einem Vorort von Oslo, ein Ort, an dem sich Menschen versammeln, die vom Leben an den Rand gedrängt worden sind. Sie trinken, verharren in sich selbst und dulden einander in einer wortkargen Gemeinschaft, deren Zusammenhalt weniger auf Nähe als auf der Anerkennung geteilter Verlorenheit beruht, stillschweigend. Auch die namenlose Ich-Erzählerin, eine erfolgreiche Schriftstellerin, sucht hier regelmäßig Zuflucht, um bei einem Glas Wein zu schreiben und die übrigen Gäste aus der Distanz zu beobachten. Sie gehört diesem Milieu an und steht ihm zugleich fern, privilegiert durch ihre gesellschaftliche Stellung, verbunden mit den anderen durch eine Einsamkeit, deren Ausmaß sie sich selbst nur bedingt eingesteht. Unter den Stammgästen zieht Ada ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie wirkt unscheinbar, beinahe kindlich, und verfügt offenbar weder über die sprachlichen noch über die gesellschaftlichen Mittel, mit denen sich andere Menschen Gehör und Anerkennung verschaffen. Was ihr jedoch eigen ist, lässt sich nicht ohne Weiteres erlernen oder erwerben, eine unmittelbare, beinahe instinktive Empfänglichkeit für die Not ihrer Mitmenschen. Ada erkennt Verzweiflung, nimmt Anteil, spendet Trost, ohne ihre Zuwendung zur Schau zu stellen oder eine Gegenleistung zu erwarten. Ihre Güte entspringt keiner moralischen Überlegenheit, sondern einer tiefen, selbstverständlichen Hinwendung zum anderen. Ihre Gesten wie z.B. das regelmäßige Zuteilen eines Leckerlis für den Hund sind nicht auf Gegenleistung aus. Als Ada tatsächlich im Lotto gewinnt, scheint sich eine Tür zu öffnen. Endlich könnte sie von einer Empfangenden zu einer Gebenden werden, könnte jene Hilfe leisten, nach der sie sich selbst so sehr gesehnt hat. Doch der ersehnte Glücksfall erweist sich nicht als Befreiung, sondern als Beginn einer verhängnisvollen Entwicklung. Vigdis Hjorth folgt keiner Sentimentalität oder Dramaturgie von Erlösung und zeigt stattdessen, wie ein Mensch an einer Möglichkeit scheitern kann, die er sich sein Leben lang ausgemalt hat. Das Geld verändert die äußeren Bedingungen, nicht aber jene innere Unsicherheit und Bedürftigkeit, die Ada geprägt haben. Was als Glück erscheint, legt schonungslos offen, wie wenig sie darauf vorbereitet ist, über ihr Leben und ihre neu gewonnene Freiheit tatsächlich zu verfügen. Dabei richtet sich der Blick des Romans keineswegs allein auf Ada. Die Ich-Erzählerin wird zunehmend in den Bann dieser Frau gezogen, beobachtet sie mit wachsender Anteilnahme und versucht, sich ihrem Wesen anzunähern. Doch ihre Faszination bleibt von einer eigentümlichen Ambivalenz durchzogen. Sie möchte verstehen, ohne sich uneingeschränkt einzulassen. Sie empfindet Mitgefühl, hält aber an einer Distanz fest, die ihr erlaubt, sich der Konsequenzen ihrer Anteilnahme zu entziehen. Ihre Selbstbeobachtung macht sie dabei nicht automatisch zu einer moralisch integeren Figur. Vielmehr tritt in ihren Reflexionen eine subtile Überlegenheit zutage, die sie gegenüber den Menschen empfindet, deren Leben sie betrachtet und literarisch verarbeitet. Sie erkennt die Not des anderen, ohne daraus zwangsläufig die Bereitschaft zum Handeln abzuleiten. Hier entfaltet der Roman seine eigentliche moralische Dimension. Was bedeutet es, ein guter Mensch zu sein? Es genügt wohl nicht die aufrichtige Absicht, es braucht Güte in der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, oder? Ich frage mich, ob die Ich-Erzählerin einer Form der Selbstbehauptung unterliegt oder einer moralischen Bequemlichkeit. Vigdis Hjorth verhandelt diese und andere Fragen ohne belehrenden Gestus. Sie legt die Widersprüche menschlichen Handelns frei und überlässt es den Lesenden, sich zu ihnen zu verhalten. Eine Stärke des Romans ist, dass er nicht vorschnell urteilt, sondern dazu zwingt, die eigenen moralischen Gewissheiten zu überprüfen. Wie oft wollte ich beim Lesen die Erzählerin schütteln, an Ada ruckeln, mir blieb jedoch nichts übrig als mich dem Lauf der Geschichte zu fügen. Besonders beeindruckt hat mich die Sprache der Autorin. Ihr Stil ist eigenwillig, bisweilen sperrig, von langen, ineinander verschachtelten Satzbewegungen geprägt, in denen Gedanken, Wahrnehmungen und Erinnerungen aneinandergereiht werden, häufig nur durch Kommata voneinander getrennt. Die Sätze scheinen sich dem Bedürfnis nach Ordnung und Eindeutigkeit bewusst zu widersetzen. Sie folgen den Bewegungen eines Bewusstseins, das beobachtet. Die Form ist dabei keineswegs bloße stilistische Eigenheit. Sie entspricht der inneren Unruhe der Erzählerin, ihrem tastenden Versuch, das Beobachtete zu erfassen, und ihrer Unfähigkeit, die eigenen Widersprüche abschließend aufzulösen. „Der gute Mensch von Sandvika“ ist für mich weit mehr als eine fein beobachtete Milieustudie. Der Roman handelt von gesellschaftlichen Ungleichheiten und existenzieller Einsamkeit, vor allem aber von der Fragilität menschlicher Güte. Er zeigt, dass Mitgefühl weder vor dem eigenen Scheitern bewahrt noch zwangsläufig die Kraft zum richtigen Handeln hervorbringt. Und er stellt die unbequeme Frage, ob wir nicht gerade dort versagen, wo wir uns selbst für vernünftig, zurückhaltend oder moralisch verantwortungsbewusst halten. Dass mich Ada so tief berührt hat, liegt vielleicht gerade darin, dass ihre Güte ohne jede Selbstinszenierung auskommt. Sie besitzt keine ausgefeilte Sprache für ihre Gedanken, keine gesellschaftliche Stellung, die ihr Autorität verleihen würde, und kaum etwas, das sie anderen anbieten könnte. Dennoch verfügt sie über eine Form menschlicher Erkenntnis, die den vermeintlich Überlegenen fehlt. Ihre Fähigkeit, das Leid anderer wahrzunehmen, macht sie zu einer außergewöhnlichen Figur, aber nicht zu einer unverwundbaren. Man muss doch als guter Mensch nicht fragen, ob sich geben lohnt. Darin liegt die Tragik ihrer Geschichte und ihre bleibende Wirkung. Vigdis Hjorth hat mich mit diesem Roman nicht nur als Erzählerin überzeugt, sondern auch als präzise Beobachterin menschlicher Widersprüche. Die Lektüre war intensiv, fesselnd und bewegend. Die Fragen, die sie aufwirft, reichen weit über die Geschichte hinaus. Ada wird mir im Gedächtnis bleiben, ebenso wie die irritierende Erkenntnis, dass der Wunsch, gut zu sein, und die Fähigkeit, tatsächlich Gutes zu tun, keineswegs dasselbe sind. Mein literarischer Auftakt mit der Autorin ist 5 Sterne wert und weckt die Vorfreude auf weitere Bücher von Vigdis Hjorth.

  • Literaturhexle

    aus Baden-Württemberg

    5/5

    20.10.2026

    Buch (Gebundene Ausgabe)

    Eine vielschichtige Milieustudie

    Die Autorin und Ich-Erzählerin berichtet retrospektiv über eine Phase von knapp zwei Jahren, in der sie regelmäßig Stammgast in einer Kneipe in Sandvika (Vorort von Oslo) war. In den dunklen Monaten trifft sie dort immer dieselben acht Personen. Alle kommen aus schwierigen finanziellen Verhältnissen, alle sind auf ihre Art einsam und leisten sich – meistens schweigend – Gesellschaft. Die Erzählerin nutzt den Ort als Arbeits- und Schreibplatz, mit der Zeit entwickelt sich eine Art Schicksalsgemeinschaft: man erkennt sich, grüßt wortlos und respektiert einander. Die Ich-Erzählerin hält sich bewusst zurück. Sie genießt die Stunden in der Kneipe, will aber keine Kontakte, keine Konversation, sondern in Ruhe ihren Wein trinken und sich hinter dem Laptop verstecken. Trotzdem fällt ihr regelmäßig eine jüngere Frau auf, die immer allein an ihrem Tisch sitzt, jeden Samstag Lotto spielt und in der Kneipe die Gewinnzahlen kontrolliert. Ada wohnt in einem Hochhaus, erscheint etwas einfältig zu sein und lebt von der Sozialfürsorge. Ada hat ein feines Gespür für ihre Mitmenschen: Wenn ein Gast leidet, tieftraurig ist oder eine familiäre Krise durchlebt, schaltet sich Ada wie selbstverständlich ein. Sie schenkt Zuwendung und Trost, um die Gefühlswelt der Betroffenen wieder ins Reine zu bringen. Ada besitzt soziale Kompetenz, möchte Gutes tun und anderen Menschen helfen. Das gelingt ihr in diesem Umfeld ganz hervorragend und beeindruckt die Ich-Erzählerin auf eigentümliche Weise. In kleinen Schritten nehmen die Autorin und Ada zögerlich Kontakt miteinander auf. Zunächst erfolgen die Annäherungen über den Hund der Schriftstellerin. Später treffen sich die beiden auch im Wald am Hundeplatz. Geredet wird nur wenig, einiges gibt Ada dann aber doch über ihr Leben preis. Diese Informationen arbeiten in der Ich-Erzählerin weiter, die sich immer stärker auf Ada fokussiert, in der Kneipe auf sie wartet und sogar deren Wohnhaus ungefragt beobachtet. Als Ada schließlich beim Lotto einen größeren Geldbetrag gewinnt, nimmt ihr Leben eine tragische Wendung, die sie überfordert und aus dem Gleichgewicht bringt. Vigdis Hjorth schreibt in dem ihr eigenen Ton. Sie vermittelt die Atmosphäre dieser in die Jahre gekommenen Kneipe mit den einsamen Gästen ganz hervorragend, sie verschweigt nicht, dass es neben der Gemeinschaft auch der Alkohol ist, der den Reiz des Ortes ausmacht: „Wir ließen in der Kneipe die Zeit vergehen, aber dehnten sie auch aus. Dehnten gewissermaßen die Zeit über den Gläsern aus, betäubten uns und tranken uns von dort fort, aber tranken uns auch zu etwas hin, zur Zeit, dehnten die Zeit aus und ruhten ausnahmsweise einmal in der Zeit.“ (S. 63) (Gabriele Haefs hat großartig ins Deutsche übersetzt.) Die Annäherung zwischen der Autorin und Ada wird sehr empathisch und sensibel geschildert. Man ist stets dicht in den Gedanken der Erzählerin, die versucht, ihre Erlebnisse in der Kneipe und rund um Ada ehrlich und selbstkritisch zu reflektieren. Dabei versucht sie, auch ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen. Trotzdem spürt man, dass die Erzählerin sich den anderen in der sozialen Hierarchie überlegen fühlt. Sie ist kein Sympathieträger. Alle Figuren sind vielschichtig angelegt. Der Roman benennt gesellschaftsrelevante Themen: Armut und soziale Unterschiede, Einsamkeit, Menschlichkeit und Moral, Glück und Unglück. Man kann schier endlos darüber diskutieren und wird immer wieder neue Aspekte entdecken. Mich hat der ruhige, intensive Text, der immer stärker an Dynamik gewinnt, tief in seinen Bann gezogen und durchgehend beeindruckt. Das Buch begleitet den Leser noch lange Zeit, weil es aufwühlt und Grundfragen des Menschseins aufwirft. Die Geschichte hat einen glaubwürdigen Plot. Die gegenwärtige Rahmenhandlung (Teil I und III) umschließt den Rückblick (Teil II), so dass Anfang und Ende perfekt ineinander greifen. Zum Schluss wird man sich zwangsläufig die Frage stellen: Wie hätte ich in dieser Situation gehandelt? Ein großartiges Buch! Riesige Leseempfehlung, für alle, die psychologisch stimmige, tiefgründige Gesellschaftsromane mögen!

  • Eternal-Hope

    aus Österreich

    5/5

    13.10.2026

    Buch (Gebundene Ausgabe)

    Gut gemeint ist nicht immer gut

    Sandvika ist ein Vorort von Oslo. Dort gibt es eine Kneipe, die ein Anziehungspunkt für jene Menschen ist, denen das Leben nicht so gut mitgespielt hat. Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger treffen sich hier, trinken meist schweigend nebeneinander. Besonders voll ist die Kneipe an den Tagen, nachdem die Sozialhilfe ausgezahlt wurde und es wieder neues Geld gibt, das für ein bescheidenes, kurzes Glück ausgegeben werden kann. Dabei haben manche die Hoffnung auf ein großes Glück noch nicht verloren: eine der Kneipenbesucherinnen ist Ada, die jede Woche Lotto spielt, vielleicht ist ja mal der Hauptgewinn dabei? Dann könnte sich alles ändern, dann würde sie von einer Empfangenden zu einer Gebenden werden, könnte Positives bewirken in der Welt um sich herum, dann hätte ihre traurige Existenz als von der Mutter als Baby verlassenes und in Heimen aufgewachsenes Kind vielleicht doch noch einen Sinn. An diese Hoffnung klammert sich Ada und sie gibt ihr Kraft, im Leben weiterzumachen... doch was würde passieren, wenn das Ersehnte tatsächlich eintreffen würde? Die Kneipe wird außerdem regelmäßig von einer Frau besucht, die so gar nicht zu diesem Milieu zu passen scheint, zumindest auf den ersten Blick. Es handelt sich um eine erfolgreiche und finanziell gut situierte Schriftstellerin, die dennoch gemeinsam mit ihrem Hund diesen Ort aufsucht, um sich inspirieren zu lassen und in stiller Verbundenheit bei einem alkoholischen Getränk zu schreiben. Eine Schriftstellerin wird hier nicht erwartet, schon gar keine erfolgreiche, und so glaubt ihr das in dieser Kneipe auch keiner. Und doch gibt es etwas, was die Schriftstellerin und Ich-Erzählerin mit den anderen Menschen dort verbindet: eine tiefe innere Verlorenheit und Unverbundenheit, so scheint sie nur wenige soziale Bindungen außerhalb der Kneipe zu haben, von der eigenen Familie distanziert zu sein und so einige dunkle Themen aus ihrer Vergangenheit mit sich herumzuschleppen. Es ist ein psychologisch sehr feinsinnig konstruiertes, sozial scharf beobachtetes und die Lesenden mit seinem Schreibstil sofort in seinen Bann ziehendes Buch, das der norwegischen Bestsellerautorin Vigdis Hjorth hier gelungen ist. Die Charaktere sind glaubwürdig, in kurzen Skizzen schafft die Autorin ein eindringliches Bild für das Sozialmilieu in dieser Kneipe, für dessen Charakteristika, Brüche, Ambivalenzen und Unstimmigkeiten. Am Anfang ist es eine leise erzählte Geschichte, die doch keine Sekunde langweilig ist und mit ihrer Tiefgründigkeit fasziniert, die erst einmal auf leichten Füßen daherkommt, bis es langsam dramatischer wird. Dann nimmt die Handlung Fahrt auf, ein plötzliches Ereignis zieht eine Kaskade an Geschehnissen nach sich, die in ihrer Dramatik bedrückend und dabei doch so realistisch gezeichnet sind und interessante philosophische Fragen stellen: - Ist eine tiefgreifende Veränderung des Lebens im mittleren Lebensalter möglich und wenn ja, was brauchen wir dazu? - Was wiegt stärker: die, oft gute, Intention unserer Handlungen oder ihre (oft unbeabsichtigten) Konsequenzen? - Wie sehr haben wir das Recht oder sogar die moralische Verpflichtung, anderen Menschen zu helfen? Wann haben wir das Recht, uns herauszunehmen aus einer Situation und uns nicht weiter zu involvieren? - An welchem Punkt machen wir uns mitverantwortlich oder sogar schuldig, durch Handeln, genauso wie durch Unterlassen? Welche Verantwortung tragen wir für die Folgewirkungen unserer Handlungen, auch für jene, die für uns überhaupt nicht absehbar waren? Es ist eines der Bücher, die mich auch mehrere Wochen nach der Lektüre noch beschäftigen und zum Nachdenken anregen. Ich kann es allen, die sich für tiefgreifende Fragen des Mensch-Seins interessieren, allen, die gerne über ethische Dilemmata und Philosophie nachdenken, aber auch ebenso all jenen, die einfach gern ein gutes Buch lesen, dabei auch vor harten Themen nicht zurückschrecken und nicht unbedingt ein Happy End brauchen, von Herzen empfehlen.

  • Bewertung

    Thalia Book Circle Community

    5/5

    05.10.2026

    Buch (Gebundene Ausgabe)

    von der Fähigkeit zu Güte und Barmherzigkeit

    Der Roman “Der gute Mensch von Sandvika” der norwegischen Schriftstellerin Vigdis Hjorth erinnert mit seinem Titel unmittelbar an Bertolt Brechts Theaterstück “Der gute Mensch von Sezuan”. Vigdis Hjorths Roman hat Anklänge einer Sozialstudie, einer Gesellschafts- und Kapitalismuskritik und tatsächlich dankt die Autorin am Ende u. a. Bertolt Brecht für die Inspiration zu ihrem Roman. Im Roman berichtet die namenlose Ich-Erzählerin, eine arrivierte und wohlhabende ältere Schriftstellerin, von ihren Erlebnissen rund um eine trostlose Kneipe in einem Osloer Vorort , die sie zwei Jahre lang besucht, um hier zu trinken und an ihren Romanen zu schreiben. In dieser Kneipe ist sie eine Ausnahmeerscheinung, denn hier versammeln sich hauptsächlich gebrochene, von Sozialhilfe lebende Menschen. Alle, die Ich-Erzählerin eingeschlossen, scheinen Alkoholiker zu sein. Eine Frau namens Ada, Anfang vierzig, dicklich, jünger aussehend, mit “mildem Antlitz”, den übrigen Kneipenbesuchern gegenüber zugewandt und mitfühlend, spielt hier still und allein vor dem Kneipenfernseher jeden Samstag Lotto. Die Ich-Erzählerin fühlt sich magisch von Ada angezogen, besonders als Ada eines Tages wirklich im Lotto gewinnt und zumindest für eine der verlorenen Seelen der Kneipe zum “Ada-Engel” wird. Doch die Geschichte gleitet in diesem Moment nicht in eine kitschige Rettungsparabel ab, sondern entfaltet sich, ganz im Geiste Brechts, zu einem Gleichnis über die Möglichkeiten und Fähigkeiten der Menschen, gut und barmherzig zu handeln in einer von der Jagd nach Geld geprägten Gesellschaft “in der es schwer sei”, so klagt Ada, “gut zu sein, die Welt sei zu schwer, und wer den Verlorenen helfen wolle, sei selbst verloren”. Letzteres gilt sowohl für Ada als auch für die namenlose Schriftstellerin. So sind die Charaktere der Figuren, insbesondere Adas und die der Ich-Erzählerin, psychologisch in ihrer existenziellen Verlorenheit fein ausgefeilt dargestellt. Sie erinnerten mich an Charaktere in Filmen von R. W. Fassbinder, dem die Autorin am Ende des Romans für die Inspiration ebenfalls dankt. Überhaupt scheinen hier sämtliche Figuren einsam und verloren, also die gesellschaftlich Abgehängten, die Verlassenen, aus welchen Gründen auch immer sie in ihre Lage kamen, geeint durch ihre Alkoholsucht. Allein die namenlose Schriftstellerin stellt sich durch ihre leicht überhebliche Art über die im Gegensatz zu ihr in prekären Verhältnissen Lebenden, erst spät realisierend, dass es ihr eigentlich nicht besser geht als den übrigen Kneipenbesuchern. Eine Atmosphäre existenzieller Trostlosigkeit durchzieht den Roman, was unterstrichen wird durch poetische Natur- und Landschaftsbeschreibungen, die lichten skandinavischen Sommernächte, die herannahenden Nebel, die in düstere Wintermonate münden. Im harten Kontrast zu den Naturbeschreibungen steht die drastische Sprache des Kneipenmilieus und auch die teils derbe, distanziert anmutende Ausdrucksweise der Ich-Erzählerin. Auf den Leser wirkt das durchaus kühl und sogar arrogant. Allerdings haben mich die Szenen zwischen Ada und dem Hund der Ich-Erzählerin, ihrem ständigen Begleiter in der Kneipe und auf der Hundewiese, als ehemalige Hundebesitzerin emotional ähnlich berührt wie eine dramatische Szene gegen Ende des Romans, auf die der Plot unaufhaltsam zusteuert. Mit dem Setting einer Kneipe, in dem hauptsächlich einsame Sozialhilfeempfänger Zuflucht suchen und in der eine wohlhabende Schriftstellerin “gut arbeitet”, habe ich zunächst etwas gefremdelt. Nach der Lektüre dieses mit nur 172 Seiten kurzen und dennoch sehr gehaltvollen Romans, stelle ich aber fest, dass die Autorin hier genau das richtige Szenario gewählt hat, um beim Leser derart tiefgründige Gedanken über Menschlichkeit, Einsamkeit, Güte , Barmherzigkeit, gesellschaftliche Prägungen, Geld und vieles mehr auszulösen, wie das bei mir und der Leserunde, in der ich den Roman lesen durfte, der Fall war. Vigdis Hjorth läßt ihre Protagonistin auf Seite 43 sagen, “….Sandvika,…., wo die Kneipe über die ich schreibe, verschwinden würde, nur noch eine alte Mär, eine Geschichte, die Geschichte, die ich schreibe.” Eine alte Mär, aber für mich viel mehr als nur das ! Ein sehr lesenswerter, tiefgründiger Roman, den ich mit 5 Sternen nur empfehlen kann.

  • begine

    aus Lemwerder

    5/5

    05.09.2026

    Buch (Gebundene Ausgabe)

    Der Engel Ada

    Die norwegische Schriftstellerin Vigdis Hjorth hat wieder einen besonderen Roman geschrieben. Ich habe schon einiges von ihr gelesen und es war immer interessant. Mit, Der gute Mensch von Sandvika, ist ihr etwas gutes intelligentes gelungen. Sie lässt eine Schriftstellerin erzählen. Die geht immer in einen Gasthof und schreibt da sie ihren Krimis. Sie beobachtet die Gäste. Besonders die fünfzigjährige Ada ist ein lieber Mensch. Als die im Lotto gewonnen hat, lässt sie sich von einigen Saufkompanen ausgenutzt. Jetzt hat sie erst richtige Sorgen. Die Schriftstellerin will sie warnen, aber so richtig traut sie sich nicht. Vigdis Hjorth versteht es wunderbar die Personen zu gestalten. Das Buch ist einfach gut und sehr zu empfehlen.

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