»Das Rechtgefühl machte ihn zum Räuber und Mörder.« So erzählt es Heinrich von Kleist in seiner gleichnamigen Novelle über den Pferdehändler Michael Kohlhaas, der nach erlittenem Unrecht blutige Vergeltung übt. Sein Rachefeldzug ist noch zweihundert Jahre später Vorbild und Handlungsanweisung für Michaela Kohlhaas, eine stellvertretende Friedhofsverwalterin. Befeuert von erfahrener Willkür und Ohnmacht, wird sie zur Aufsässigen. Doch wo Michael Kohlhaas mordet und brandschatzt, agiert sie vorrangig mit Worten: mit Zuspitzung, Übertreibung, Sabotage und Show. Einer vermeintlichen Hexe gleich, zieht sie fluchend und Verwünschungen aussprechend durchs Land. Und muss feststellen: Es ist von Nachteil, eine Frau zu sein. Es ist von Nachteil, sich zu wehren. Doch selbst wenn alle Welt sie für wahnsinnig erklärt – sie geht »mit wehenden Fahnen« ihrem Ende entgegen, auf ein gutes Ende hoffend, und doch ahnend: Ein solches Ende wird es vielleicht nicht geben.
Heike Geißlers Michaela Kohlhaas ist eine tollkühne Überschreibung der berühmten Novelle von Heinrich von Kleist. Ihre Michaela ist eine Schimpfende, eine Stinkende, eine Zärtliche. Eine große Liebende, die nicht bloß Verbesserung will – sie verlangt Wiedergutmachung und Sühne. Und eine gänzlich andere Einrichtung der Welt.
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2.0/5.0
Bories vom Berg
aus München
2/5
29.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Gut gemeint reicht nicht
Der Titel des neuen Romans «Michaela Kohlhaas» von Heike Geißler weist überdeutlich auf die berühmteste Novelle der deutschen Literatur hin, die 1810 von Heinrich von Kleist erschienen ist. Es ist nicht die erste Adaption dieses Stoffes, ein ältere unter dem Titel «Ragtime» stammt von dem Amerikaner E. L. Doctorow, der seinen Helden Coalhouse Walker genannt hat. Wie Heike Geißler im Interview erklärte, war es ursprünglich ihre Absicht, den originalen Stoff auf die Gegenwart zu adaptieren, eine parallele Erzählung erwies sich dann aber aus verschiedenen Gründen als unmöglich. Und so habe sie sich, auch dem Weiblichen besser entsprechend, dann doch lieber für eine gemäßigte Version des Protestes und Widerstandes ihrer Heldin entschieden und ihre Protagonistin als eine sanfte Anarchistin angelegt. Es gäbe bei ihr auch keine Initialzündung wie bei Kleist, weil letztendlich ja doch alles zu spät sei, heutzutage! Und so hat sie mit Michaela Kohlhaas eine radikale Aussteigerin erschaffen, deren Form des Widerstands darin besteht, selbst der Sand im Getriebe zu sein. «Die Kohlhaas», wie sie im Roman genannt wird, nimmt damit Rache für die Ungerechtigkeiten unserer total verrohten Welt. Heraus gekommen sei dabei aber «kein Märchen, das gut ausgeht, auch wenn man sich das wünscht».
Die Protagonistin dieses in zwölf Kapiteln chronologisch über ein Jahr hinweg erzählten Romans ist eine etwa vierzigjährige stellvertretende Friedhofs-Verwalterin, die allein stehend und kinderlos in Leipzig lebt. Als sie erfährt, dass die Tronkenburg, ihre geliebte Stammkneipe, von einem Immobilienhai übernommen wurde, ist sie entsetzt. Spontan lässt sie alles stehen und liegen, meldet sich telefonisch bei der Arbeit ab, packt ein paar Habseeligkeiten ein und bricht voller Empörung auf, ohne zu wissen, wohin. Sie lebt fortan als Obdachlose, die durch ihren demonstrativen Freiheitsdrang und ihre hasserfüllten Reden die Leute auf der Straße provoziert, die immer mehr verwahrlost, verdreckt und stinkt. Mal findet sie Unterkunft in einem im Winter leer stehenden Schlösschen, besorgt sich einen Planwagen, in dem sie haust, und wird immer bekannter auch weit über Leipzig hinaus. Schließlich wird dann sogar das Fernsehen auf sie aufmerksam und lädt sie zu einer Talkshow ein. «Ich sage ja nichts, was sie nicht selbst wissen,» meint der Moderator, «aber Sie riechen wirklich nicht gut, Sie stinken, so muss ich es sagen». Die Kohlhaas nickt: «Es ist auch gar nicht so leicht, in Ihrer Nähe zu sitzen, dabei scheinen Sie recht gut zu riechen.» Auf die letztendlich ja durchaus berechtigte Frage, was sie denn ändern würde, bleibt sie ihm die Antwort schuldig!
Für all das Verstörende in ihrem Roman findet Heike Geißler eine angemessene, stimmige Sprache. Sie setzt eine Frau als namenlose Ich-Erzählerin ein, die Michaela Kohlhaas vom Friedhof her kennt und die aus ihrer vernunftgeprägten Sicht distanziert deren unbeherrschte Obsession schildert. Ein wenig irritiert dabei ist die Tatsache, dass «Die Kohlhaas» ja nicht Rache will für selbst erlittenes Unrecht wie bei Kleist, sie zieht wie eine Hexe fluchend und Verwünschungen ausstoßend durchs Land in der trügerischen Hoffnung, dadurch etwas bewirken zu können. Sie agiert also, auf ein gutes Ende hoffend, mit maßloser Wut, mit Übertreibung, Sabotage, Zerstörung. Aber sie ahnt auch, ein gutes Ende wird es nicht geben!
Heike Geißler hat in dem Interview die Frage, ob Literatur ein Medium sei, um Gerechtigkeit zu üben, klar mit Ja beantwortet. «Am Umgang mit Obdachlosen misst sich die Brutalität der Welt» erklärte sie und fügte hinzu: «Wir sind so kurz auf dieser Erde, da kann man doch aufeinander kucken». Gleichwohl, so originell die Idee für diesen wohlmeinenden Plot auch ist, so wenig überzeugend ist der daraus entstandene. feministische Roman. Alles wirkt arg konstruiert daran, insbesondere weil das Rachemotiv hier ja absolut nicht verfängt. Außerdem wirkt diese merkwürdig abrupte «Auto-Agression» der Kohlhaas total aufgesetzt, und der Rache-Aspekt an der gesamten Gesellschaft ist hier ja sowieso von vornherein zum Scheitern verurteilt. Gut gemeint reicht eben nicht!
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